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Joachim Fernau: Die Gretchenfrage
Sag, wie hälst Du's mit der Religion? So lässt Goethe das Gretchen zu ihrem Faust sagen, und diesem Thema nähert sich Fernau in acht Variation an, geordnet wie die Sätze eines barocken Concerto Grosso. Mit Sensibilität und Verstand macht er sich auf die Suche nach Gott, frei von Dogmatik und Missionsdrang, manchmal augenzwinkernd, manchmal tragisch, immer aber nah bei den tatsächlichen Problemen des Lebens. Der Vater, der seiner Tochter von Gott erzählen soll, selber aber nicht überzeugt ist; die Atheistin, die das Leben flieht und ohne Glaube zur Nonne wird; die Katholikin, die verzweifelt zwischen ihrem Glauben und dem Wunsch, einen Protestanten zu heiraten; der Pastor, der einen Ball in die Fensterscheibe eines Bäckergeschäftes schiesst, dies aber nur ungern vor seiner kleinen Tochter zugeben möchte, gleichzeitig aber auch nicht lügen will: Nie verlässt Fernau den Bereich des Nachvollziebaren. Alle seine Figuren denken verständlich, nachfühlbar, nie pathetisch, immer kann ich mich mit ihnen identifizieren, ohne an irgendeiner Stelle das Gefühl zu haben, von fremden Gedanken oder Emotionen fortgerissen zu werden. Deshalb vielleicht geht das Buch mir so nahe, weil es kein Roman ist, weil ich mich dort nicht in fremde Figuren hineinversetzt fühlen muss? Weil ich mir immer vorstellen kann, selber in solche Situationen zu geraten und vor denselben Fragen zu stehen? Hier hat sich ein weiser Mensch mit Würde, Leidenschaft und trotzdem mit der nötigen Distanz in aller Ernsthaftigkeit Gedanken gemacht, und erzählt davon ohne erhobenen Zeigefinger. |