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Zu den Sternen


Hast Du, lieber Leser oder liebe Leserin, schon mal in einer einsamen, klaren Sommernacht in den Himmel geblickt? Den faszinierenden Anblick der Sterne genossen? Voller Erhabenheit prangen sie da am tiefschwarzen Firmament, offen und transparent, doch trotzdem geheimnisumwittert und unbegreiflich. Seit Urzeiten schon scheinen Sie vom Himmel herab, waren schon alt als der allererste Mensch seine Augen fragend in die Höhe richtete, haben die Geschichte der Menschheit gesehen, gleichgültig und unberührt vom Schicksal und dem Bemühen von uns Menschen geleuchtet und geschienen jede Nacht. So überwältigend ist dieser Anblick, daß Du Schreien möchtest vor Glück. In diesem Augenblick verstehst Du, warum die Sterne in alten Zeiten als Götter angesehen wurden, mächtig, unnahbar und ewig. Ein wenig möchtest Du es da fast bedauern, dass diese Wunder von der modernen Zeit ihres Zaubers entblättert, als profane Ansammlungen von Gas entlarft wurden, ohne Bewusstsein und ohne Kraft.

Dann, fast wie ein Schlag, durchzuckt Dich die Erkenntnis, daß die Sterne durch dieses Wissen nicht herabgewürdigt, nicht ihres Reizes enthoben sind, im Gegenteil. Sie sind nicht nur einfach Lichtpunkte oder uns im Grunde genommen ähnliche Wesen, die an unserer Welt teilhaben... Nein, es sind Orte, so real wie unsere Welt auch, aber getrennt davon durch ein so unglaublich grosses Nichts, daß durch seine schiere Ausdehnung eine bessere Trennwand darstellt als jedes Verbot, jede Magie oder alles sonst, was eine fiktive Götterwelt jemals von uns trennen könnte. In dem Moment, in dem Du dir so vergegenwärtigst, in dem Du begreifst was Dir vorher schon klar war, steigt ein geradezu schmerzhaftes Verlangen in Dir empor, die Sehnsucht, hinporzukommen zu diesen Orten; die Wunder zu verstehen, die noch nie ein Mensch zuvor verstanden hat, zu sehen diese Welten, die nichts, aber auch garnichts mit unserer Welt zu tun haben.

Auf eimal bist Du dann da, dort droben, irgendwo im Nichts zwischen den Sternen, umgeben von absoluter Stille und Dunkelheit, frei schwebend und gleitend durch das unendliche Universum. Du drehst Dich etwas, schaust Dich um, und entdeckst ganz in der Nähe eine Sonne, einen Stern so hell, dass Dir sein gleissendes Licht in den Augen brennt und schmerzt. Rasch wendest Du dich ab, und entdeckst dabei einen im Lichte des Sterns funkelnden Planeten. Noch ehe sich dein Wunsch, diese Welt genauer zu betrachten, auch nur artikulieren kann nähert sich der Planet auch schon. Grau sieht er aus, und irgendwie seltsam unstrukturiert.

Mittlerweile hast Du die imaginäre Grenze überschritten, ab der Du die Entfernung zu diesem Planeten nicht mehr als Abstand, sondern als Höhe empfindest. Du erkennst Berge, Täler und Ebenen, aber die Dir von Bildern der Erdoberfläche vertrauten Flussläufe und Seen gibt es hier nicht. Genau unter Dir liegt an einem Berghang ein kleines Plateau, dort wirst Du gleich sicher landen. Der Verstand sagt Dir, dass Du Dich jetzt eigentlich fürchten müsstest... aber zu unwirklich ist die Situation, zu irreal. Natürlich wird dir hier nichts geschehen.
Als Du aufsetzt merkst Du, dass das Plateau von einer zentimeterdicken feinen Staubschicht bedeckt ist, die aufwirbelt unter deinen Füßen und sich erst langsam wieder legt. Der Gedanke, daß der von Dir aufgewirbelte Staub wohl schon länger dort lag, als Menschen existieren, verursacht dir ein leichtes Schwindelgefühl, grad so als hättest Du etwas Heiliges verletzt. Du richtest deine Augen auf und betrachtest die Umgebung. Überall nur dieses staubbedeckte und in dem Lichte der fremden, knapp über dem Horizont stehenden Sonne seltsam gräulich scheinende Geröll. Kein Grashalm, kein Moos lockert das Bild auf; kein Baumwipfel am fernen Horizont durchbricht die felsige Tristesse. Die Stille ist absolut. Kein Vogelzwitschern, kein Plätschern eines Wassers, kein Windhauch stört die leblose Ruhe dieser Welt. Du gehst ein wenig umher, schaust Dich um, doch, anders als auf der Erde, ändert sich deine Umgebung nicht, überall sieht es gleich aus, fast scheint es Dir als gingest Du auf der Stelle. Du drehst dich um: der Anblick deiner Trittspuren, der wohl ersten Spuren hier seit Entstehung der Welt, ist der einzige Anhaltspunkt, den deine Augen weit und breit finden.

Die fremde Sonne beginnt hinter dem ungewohnt scharf markierten Horizont abzutauchen, und schneller als Dir gewohnt, ohne den besänftigenden Übergang der Dämmerung, beginnt die Nacht. Die aufkommende Kälte scheint wie tausend spitze Eisnadeln in deine Haut zu stechen. Dir wird bewusst, daß Du das einzige lebende Wesen bist auf dieser Welt, das einzige lebendige im Umkreise mehrerer hundert Lichtjahre, entschwunden ins Unerreichtbare. Alles in Dir, vom Verstand bis hinunter ins tiefste Gen, ruft Dir ein lautes "Du gehörst hier nicht hin" zu. Panisch und angsterfüllt beginnst Du zu den Hang hinab zu laufen, immer weiter, nur um irgendein Zeichen von Leben zu sehen, aber alles was Du findest ist Staub, Staub und Geröll. Du schreist, doch der Schrei verhallt ungehört in der Einsamkeit; Du rennst, rennst und fällst, fällst in die Tiefe, fällst hinab ohne Halt...

Dann, irgendwann, findest Du dich wieder, sicher stehend auf der Erde. Du hörst in der Ferne das leise Rascheln von Zweigen, die sich im Winde wiegen, ein par Tiere streifen noch durchs Gebüsch, ein einsames Motorengeräusch entschwindet langsam am Horizont, und Du weisst: Du bist Zuhause, an dem einzigen Platz im Universum der wirklich für Dich geschaffen ist. Noch einmal, grad wie zum Abschied, schaust Du hinauf zu den blinkenden Sternen; bewundernd, fasziniert und mit Respekt wendest Du dich wieder ab und lenkst deine Schritte zurück in dein warmes Heim, daß auf Dich wartet.


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