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Wohin geht es mit uns?


Krone der Schöpfung?

Der Mensch steht im Mittelpunkt, ist das letztendliche Ziel des Universums, Ergebnis des letzten der sechs Schöpfungstage und somit herausgehoben unter allen Kreaturen. Dies jedenfalls möchte uns das Buch Genesis glauben machen, und fordert uns folgerichtig dazu auf, uns die Erde Untertan zu machen, schliesslich sind wir als Endpunkte der Entwicklung ewig, während alles andere vorrübergehend ist, dazu bestimmt uns zu erhalten und zu dienen. Kann dies aber wahr sein? Zu verlockend erscheint diese Vorstellung, um nicht im Ruch des Selbstbetrugs zu stehen. Zu gerne möchte Mensch sich selber als etwas einzigartig- besonderes sehen, als das er nicht bereit wäre, alles zu glauben, was ihm diese im wörtlichen Sinne egozentrische Weltsicht bestätigt.

Bei Lichte betrachtet erscheint Mensch aber eher unfertig, eher Zwischenstufe als Endpunkt einer Evolution. Gerade mal ein paar Millionen Jahre ist es nun her, das sich die Affen, durch die zunehmende Versteppung der ostafrikanische Urwälder zum Bodendasein gezwungen, auf ihre Hinterbeine stellten, ein unter Evolutionsgesichtspunkten sehr kurzer Zeitraum für eine derartig einschneidende Veränderung. Ein grosser Teil der Menschheit leidet noch heute unter diesem Schritt, in Form von Rückenschmerzen. Die Wirbelsäule ist einfach nicht perfekt angepasst an den aufrechten Gang... noch nicht. Wir sind in diesem Punkt unfertig.

Jeder, der schon mal ein Raubtier über längere Zeit beobachten konnte, sei es vielleicht ein Hund oder eine Katze, weiss über den Unterschied zwischen agressivem Verhalten und Jagtverhalten. Ein Hund, der in Konflikt mit einem Artgenossen gerät, wird wütend, knurrt, gibt ein breites Spektrum von Warnsignalen bevor er angreift. Am Ende des Kampfes tritt, durch passende Unterwerfungsgesten des Unterlegenen geweckt, eine Tötungshemmung in Kraft, die der Agression entgegenwirkt und verhindert, dass sich die Hunde gegenseitig ausrotten. Diese Hemmung ist um so stärker ausgeprägt, je gefärlicher das Tier von der Natur ausgestattet ist. Ein Löwe, der seine Artgenossen mit einem einzigen Biss töten könnte, wird durch starke Instinkte daran gehindert. Die Taube, mit keinerlei Waffen ausgestattet, braucht dieses Programm nicht.
Als Mensch mit den mit dem aufrechten Gang freigewordenen Händen zum Ersten mal einen Stein aufhob und mit ihm Zuzuschlagen lernte wurde aus einem bisher eher harmlosen Allesfresser schlagartig ein gefährliches Raubtier, nur leider ohne die zugehöhrige Tötungshemmung. Die ersten Menschen hatten wohl wenig Skrupel, Artgenossen umzubringen, und ein Blick in eine beliebige Tageszeitung legt nahe, daß sich das bisher auch nur unwesentlich geändert hat. Wir sind hier noch nicht fertig in unserer Entwicklung, eine wirkliche, bei allen Menschen wirksame Hemmung, andere Menschen zu töten, muss sich noch entwickeln. Religiöse Gebote und Gesetze sind nur unvollkommene Surrogate eines solchen Instinktes, die viel zu leicht durch Fanatismus, Egoismus oder schiere Ideologie ausgehebelt werden können.

"Der Mensch ist ein Seil, geknüpft zwischen Tier und Übermensch, ein Seil über einem Abgrund" lässt Nietsche seinen Zarathustra diese Situation in einem sehr schönen Sprachbild zusammenfassen. Was aber wird geschehen, wohin werden wir uns entwickeln? Wie das Ziel der Evolution aussehen wird vermag ich nicht zu sagen. Ich fürchte auch, das dies kein Mensch kann... zu sehr sind wir unserem eigenen Wesen verhaftet, zu sehr eingeschränkt durch unseren eigenen Blickwinkel, den auch nur homozentrisch zu nennen schon geprahlt wäre. Unter diesen Umständen scheint mir schon ein auch nur ungefährer Blick auch nur wenige Jahrhunderte in die Zukunft unmöglich.

Evolution oder Stillstand

Aber bewegen wir uns wenigstens weiter auf dem Seil? Oder verharren wir, kriechen vielleicht rückwärts, oder drohen gar in den Abgrund zu stürzen? Welche Kräfte könnten uns weiterhelfen? Die biologische Evolution jedenfalls hat sich totgelaufen, ist zum Stillstand gekommen. Längst hat sich Mensch eine Umwelt geschaffen, in der Überleben und Fortpflanzung immer weniger von der persönlichen Veranlagung, und immer mehr vom Zufall oder Geographie und Politik abhängig sind. Verkehrsunfall, Seuche, Krieg und Hungersnot selektieren nicht, sie töten wahllos. Sämtliche Versuche der Menschen, eine Selektion selber durchzuführen, endeten in einer abgrundtief moralischen Verrohung und sind diskreditiert. Wie sollten Menschen auch durch unmoralisch- verbrecherische Handlungen moralisch höher stehende Menschen kreieren können, deren Masstäbe Sie ja noch nicht einmal definieren können!

Aber die biologische Evolution blieb nicht ohne Nachfolger. Schon seit fünf Jahrtausenden bildet die kulturelle Evolution die entscheidende Triebfeder der Menschheit. Die schiere Menge an geschriebenen nimmt rasant zu, in einem fast schon erschreckenden Wachstum. Es werden in der Wissenschaft Entdeckung über Entdeckung gemacht, Faktenwissen, das scheinbar auf Ewig im Besitz der Menschheit verbleibt.
Zweihundert Jahre ist es nun her, dass zuletzt ein Mensch das gesammelte Wissen auch nur seines eigenen Kulturkreises in sich vereinte. Seitdem haben Arbeitsteilung und Spezialisierung, erzwungen durch die Explosion von Erkenntnissen, die Wissenschaft in immer kleinere Fachgebiete und Teilbereiche zersplittert, die ihre Arbeit kaum noch den Kollegen einer anderen Fachrichtung, viel weniger aber noch Aussenstehenden kommunizieren können. Nicht aus Unwillen oder Bosheit, wie manchmal unterstellt wird, sondern aus der puren Komplexität der behandelten Sachverhalte heraus kann eine echte Verständigung nicht mehr stattfinden, trotz aller dem entgegenstehenden Bemühungen. Während immer weniger Leute immer mehr und immer spezielleres Wissen anhäufen weiß die Allgemeinheit immer weniger, einen immer kleineren Anteil von die sie umgebenden Umwelt, von der von ihnen benutzten Technik. Die kulturelle Evolution gerät in eine Sackgasse, wir stecken fest, stehen in der Gefahr der Stagnation und des Absturzes.

Auswege?

Was aber kann uns retten? Da kann ich jetzt nur vage Vermutungen äussern. Die wesenliche neue Entwicklung, die ich zur Zeit erkennen kann, ist die zunehmende Vernetzung unserer Welt. Immer näher rückt uns durch Zeitung, Fernsehen und Internet auch noch der entfernteste Winken unserer Welt. Zwar verstehe ich immer weniger von mir fachfremden Aspekten meiner Umgebung, aber immer einfacher wird es mir, dazu Fakten und Meinungen der entsprechenden Experten einzuholen. Mag die heutige Medienwelt, das heutige Computernetz auch manch äusserst fragwürdigen Aspekt in sich tragen, es ist immerhin eine Perspektive, die eines Tages die Perspektive einer neuen, emergenten Qualität in sich bergen mag, die der Entwicklung der Menschheit neue Impulse zu geben vermag. Hoffentlich.

Nur ein paar Gedanken einer durchwachten Nacht

Axel Woelke


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